Mädchen als Berufsbettlerinnen

Es ist nasskalt, dauernder leichter Regen, den ganzen Vormittag schon. Die Hände in den Taschen vergraben und mit zwischen die Schultern gezogenem Kopf laufe ich durch die Fußgängerzone. Da fällt mein Blick auf die junge Frau. Eine schäbige Decke über den Beinen sitzt an der Hauswand. Ein Pappbecher vor ihr wartet auf Gaben mildtätiger Passanten.

Bettler sieht man ja häufiger. Meistens sind es Männer, oft mit Hund und „auf der Durchreise“. Und ihre Biographien kennt man auch. Zumindest, dass drei Punkte immer wieder vorkommen: kaputte Beziehungen, Alkohol und Drogen, Verlust des Arbeitsplatzes.

Aber diese Frau, eigentlich ein Mädchen, – so jung und schon aus der Bahn geworfen?

Auf der Rolltreppe zum nahegelegenen Einkaufszentrum rattert es in meinem Kopf. Was könnte da los sein? Zu Hause rausgeworfen? Oder weggelaufen? Drogengeschichten? Vor allem, welcher von den Sozialberatern, die ich von kirchlichen Kontakten kenne, wäre jetzt erreichbar? Die machen doch jetzt Mittagspause. Gerade dann, wenn man sie braucht, läuft meistens nur der Anrufbeantworter. Egal, ich fahre mit der nächsten Rolltreppe gleich wieder nach unten.

Mit dem kleinen Schein, den ich dem Mädel in ihren Pappbecher stecke, werde ich nichts ausrichten können. Der soll mir nur als Grund für ein Gespräch dienen. Wohl wissend, dass es sich für alte Knaster wie mich nicht schickt, fremde Mädchen anzusprechen, egal aus welchem Grunde. Wie alt mag sie sein? 15 oder 16 vielleicht.

„Es tut weh, Sie hier in der Kälte sitzen zu sehen“, beginne ich. Sie schaut kurz auf, reagiert aber nicht. So vor ihr zu hocken, ist mir unangenehm, es wirkt zu konfrontativ. Also hocke ich mich lieber seitlich neben sie.

„Ich wollte gleich da oben in der Bäckerei einen Kaffee trinken. Mögen Sie mitkommen und sich da ein wenig aufwärmen? Ich bezahle Ihnen ein heißes Getränk und ’ne Kleinigkeit zu essen.“

Sie bleibt regungslos. Wie viele Männer mögen sie – mit womöglich schlechten Absichten – schon angesprochen haben? Trotzdem wage ich noch einen Versuch. „Ich kann Ihnen auch was herbringen!“

„Romania“, flüstert sie leise.

„Do you speak English?“ Sie schüttelt den Kopf und zieht sich wieder in ihre stille Passivität zurück. Immerhin, sie hat die Frage verstanden. Aber mehr kommt nicht. Ich beschließe, sie nicht weiter mit meiner Aufdringlichkeit zu behelligen.

Eine Passantin hat die Szene mitbekommen. „Haben Sie was herausbekommen?“ will sie wissen. „Sie ist aus Rumänien, spricht kein Deutsch und kein Englisch.“ – „Das sind Clans, das hat alles System“, klärt mich die Dame auf. „Die Mädchen machen das in Schichten, die lösen sich ab. Mal sitzen sie da, mal da“. Sie zeigt in verschiedene Richtungen der Fußgängerzone. Stimmt, letztens hatte ich unterhalb der Rolltreppe ein anderes Mädel sitzen sehen. „Und der Pate kassiert nachher alles ab, die dürfen keinen Penny für sich behalten!“

Genug Stoff zum Grübeln, während ich mir beim Bäcker die Hände am Kaffeebecher wärme. Alles nur eine Masche, so wie vor einigen Jahren die Sinti-Mütter, die mit Baby (manchmal war es auch ein älteres, aber ruhiggestelltes Kleinkind) auf dem Schoß, auf das Mitleid Vorübergehender spekulierten?

Klar, ein Mädchen, das da still im Regen kauert, rührt einem besonders das Herz. Weckt  Fürsorgeinstinkte. Und wenn in einer Stunde nur zwei oder drei Leute eine bescheidene Großzügigkeit an den Tag legen, dann bringt das mehr Gewinn als ehrliche Arbeit zum Mindestlohn. Das ärgert mich. Nicht wegen meines Almosens, dass der Alte nachher einstreichen würde. Mir tut das Mädchen leid. Die Mädchen, es sind ja mehrere. Nur eigentlich ganz hübsche Mädchen, keine Jungs. Mit fragwürdigen Versprechen von irgendwelchen Rattenfängern angelockt, werden sie ausgebeutet. Statt in die Schule zu gehen und dann etwas Gescheites zu lernen, verplempern sie so ihre Jugend. Und womöglich ihr Leben, für das ihnen dann eine solide Berufsausbildung fehlt. Was hat der Pate dann geplant? Man mag nicht weiterdenken…

Es ist ein Verbrechen, das sich da draußen abspielt. Das kann nach § 232b StGB sechs Monate bis zehn Jahre Knast für die Drahtzieher geben, wenn man sie nur kriegen würde. Die Täter wissen das und zwingen ihre Opfer zum Schweigen. So jedenfalls setzt meine Phantasie die Geschichte zusammen. Anders kann ich mir die Sache nicht zusammenreimen.

Man bäuchte jetzt also nicht nur irgendeinen Sozialberater, sondern jemanden, der Rumänisch kann und mit großem psychologischen Geschick irgendwie Zugang zu den eingeschüchterten Teenagerinnen findet. Und eine Unterkunft, wo die Mädels sofort untergebracht, betreut und geschützt werden. Man bräuchte jemanden, der das Zeug hat, sich mit der Bettelmafia anzulegen und den Paten vor Gericht zu bringen, zumindest aber dafür zu sorgen, dass keine Übergriffe stattfinden. Also eine Institution mit den nötigen Mitteln, Dolmetschern und Expertise.

Und, – das wäre der Traum! -, ein wohlhabendes Ehepaar, das sich statt Luxusyacht das Abenteuer leistet, so jemanden aufzunehmen, familiären Halt zu bieten und Lebensunterhalt, Krankenversicherung, Deutschkurse und Ausbildung zu bezahlen, bis das Menschenkind flügge ist.

Ich sitze hier, stochere in den restlichen Krümeln meines Haferflockenkuchens herum und weiß nicht weiter.

Wie lange hockt sie da wohl schon in der Kälte? Der Gedanke lässt mich frösteln. Bronchitis, Blasenentzündung und Gelenkerkrankungen sind vorprogrammiert. Der Pate bringt sie bestimmt nicht zum Arzt.

Ich bringe mein Tablett zur Geschirrückgabe und stelle mich noch einmal am Tresen an. „Noch einen Kaffee, bitte. Diesmal zum Mitnehmen.“ – Keine Ahnung, ob sie Kaffee mag.

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Post scriptum: Sie mag Kaffee!

 

 

 

 

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Die Eltern der Wurzelbergmohikaner und die Generation Handy

In meinem letzten Artikel hatte ich gefragt, was mit den heutigen Kindern los ist, warum sie nicht mehr draußen herumstrolchen und Indianer spielen, selbst dann, wenn sie von der Umgebung her die Gelegenheit dazu haben.

Ich erhielt privat eine Antwort einer Bekannten. Wir sind in gleichem Alter. Sie lebt auf dem Lande. Ihr  Dorf wäre für mich als Stadtkind früher der absolute „Wir Kinder aus Bullerbü„-Traum gewesen. (Am Rande bemerkt: In unserer an sich gut ausgestatteten Leibücherei gibt es diese Bücher von Astrid Lindgren nicht mehr!). Auch sie macht die Erfahrung, dass Kinder, sofern sie überhaupt rausgehen, Hof und Garten kaum verlassen. Das Herumstreifen in Feld und Flur wird verschmäht. Generation Handy: Smartphone und Tablet sind die besten Spielgefährten.

Vermutung der Freundin: Es liegt an den Eltern. Zumindest teilweise. Beide berufstätig, um den Lebensstandard zu sichern. Wenig Zeit für die Kinder. Die werden unterhalten, statt sich mit ihnen zu unterhalten. Man ist froh, wenn sie beschäftigt sind, statt sich mit ihnen zu beschäftigen. Oft zumindest, es gibt natürlich auch andere Familien.

Reisighütte

Hütten aus Zweigen und Ästen bauen, bald nur noch unter Anleitung im Waldkindergarten?

Auch meine Eltern waren beide berufstätig. Auch Samstags. Allerdings nicht für Eigenheim und dickes Auto, sondern weil wir arm waren. Meine Mutter drehte früher jede Mark dreimal um, bevor sie einkaufen ging. Allerdings waren sie trotzdem sehr präsent.

Zum Einen, weil die Einzelhandelsgeschäfte meiner Großeltern, wo sie arbeiteten, in erreichbarer Nähe waren. Eineinhalb Kilometer Fußweg waren damals für ein Grundschulkind durchaus im Rahmen. Der Tante-Emma-Laden meiner Großeltern war eine Ladenwohnung, Oma und Opa wohnten dort und ich wurde dort groß. Ich erlebte, wie mein Opa die Milchkannen ausscheuerte, kam mit, wenn er zur Meierei fuhr oder Flaschenmilch auslieferte. Aber auch, wie er einen Nistkasten für den Hinterhof zimmerte oder aus Talg und Sonnenblumenkernen Vogelfutter mischte, es in Blumenpflanztöpfe goss und diese an den Kohlenschuppen hängte. Ich wusste, wo meine Eltern waren und meine Eltern wussten, wo ich war. Nur einmal nicht. Da hockte ich in einem Tunnel, den wir auf einem Trümmergundstück gegraben hatten. Muttern suchte mich irgendwann, und die Unschuldsmine, mit der meine Kumpels auf ihre Frage nach mir „Neeeee… keine Ahnung…“ sagten, muss erstaunlich echt gewirkt haben.

Wolfsburg

Auch bescheidener Urlaub war voller Entdeckungen.

Zum Anderen waren meine Eltern zu Hause präsent. Es gab regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten, zumindest morgens und abends. Da war Zeit zum Reden. Am Sonntag wurde immer etwas unternommen: ein Ausflug an die Elbe oder in die Schwarzen Berge bei Hamburg, wo mir mein Vater erste Schritte im Umgang mit Kompass und Karte zeigte, ein Museumsbesuch oder einmal im Jahr – wie gesagt, meine Eltern hatten nicht viel Geld – ein Besuch in Hagenbecks Tierpark. Alles in einem sehr kleinbürgerlichen Rahmen. Man mag das spießig finden. Aber meine Eltern versuchten mich neugierig zu machen und mir die Welt zu öffnen. Das rechne ich ihnen hoch an!

Wegen einer Körperbehinderung meines Vaters, später auch wegen der Krebserkrankung meiner Mutter, war an abenteuerlichere Outdoor-Unternehmungen nicht zu denken. Diesen Part übernahm mein Onkel. Ich erinnere mich an die Situation, wie er mir das Fahrradflicken beibrachte. Das war spätabends unter einer Brücke während eines Dauerregens. Ein Nagel von einer Baustelle steckte im Reifen.

Der Onkel hatte ein Wochenendhaus in der Fischbeker Heide bei Hamburg. Das Ein-Haus-Bullerbü für meinen Cousin und mich, einschließlich Kachelofen und Plumpsklo mit „Goldeimer“. Morgendliches Waschen im Freien mit Regenwasser aus der Zisterne. Trinkwasser holten wir Jungs in Kanistern mit dem Bollerwagen von einem knapp einem halben Kilometer entfernten Landschulheim.

Für uns Jungs war das das Paradies schlechthin. Egal ob wir hoch hinaus wollten (Hochsitze auf Bäumen bauen) oder tief hinunter (Erdhöhlen graben), es gab keine Grenzen. Jenseits des Grundstückzaunes begann der Wilde Westen: das Trockental mit seinen Heideflächen und der „Kuhteich“ waren nicht weit. Nicht einmal der Truppenübungsplatz der in der Nähe stationierten Panzergrenadierbrigade war trotz vieler Verbotsschilder vor uns sicher.

Einmal wollten wir Lagerfeuer machen. „Dann mauert euch mal eine Feuerstelle“, meinte mein Onkel.

„Mauern? Womit denn?“ – „Mit Feldsteinen und Lehm. In der Nähe vom Lehmbauern sind Gruben, da könnt ihr euch was holen.“ Wir wussten zwar, wo der Lehmbauer war – ein Haus mit einer Pferdekoppel am Tempelberg -, aber nicht wo dort im Wald Lehmgruben sein sollten. Wir wussten nicht einmal, was genau Lehm ist. Aber wir beluden den Bollerwagen mit Eimern und Spaten und zockelten los. Und stießen bei unserem zweiten Grabungsversuch tatsächlich auf Lehm.

Ich weiß nicht, ob mir jemals Würstchen so gut geschmeckt haben wie die, die wir am Abend über der selbstgemauerten und vorsichtig gebrannten Feuerstelle grillten. – Die besagten Mergelgruben waren später mal Teil des archäologischen Wanderpfades Fischbeker Heide.

Aber der Onkel nahm uns auch hart ran. Weder Lagerfeuer noch Kachelofen heizten sich von alleine. Es mussten Kienäppel (Kiefernzapfen) zum Anfeuern gesammelt und Brennholz herbeigeschafft werden. Einmal zerlegten wir eine umgestürzte Buche und holten das Holz mit einer Handkarre aus dem Wald. Eine ganze Buche, der Onkel und wir vielleicht vierzehnjährigen Jungs, rickeracke mit der Handsäge und – breitbeinig hinstellen, vorn und hinten darf niemand stehen! – mit der Axt gespalten. Sorgfältig aufgestapelt musste das Holz auch werden, Onkel duldete keine Unordnung.

Diese Erfahrungen waren das Potential für Unternehmungen in den Alter, als es besser war, ganz aus dem Blickfeld der Erwachsenen zu verschwinden. War ja nicht immer so lecker, was wir anstellten. Die Leichen überfahrener Katzen dekorativ in Bäume zu hängen oder sie als Moorleiche in einem Kesselmoor zu versenken und so was, wir waren wirklich kreativ!

Aber auch bei vergleichsweise seriösen Exkursionen und Ferienlagern, z. B. mit dem Deutschen Jugendbund für Naturbeobachtung, zehrte ich von dem, was Eltern und Verwandte grundgelegt hatten. Wir kamen da irgendwann in ein Alter und in Situationen, wo wir selbst Jüngere unter unseren Fittichen hatten. So gut ich konnte, gab ich meine Erfahrung, vor allem aber meine Mentalität weiter. Ein Junge, von dem ich wusste, dass er Rüdiger-Nehberg-Fan war, klagte einmal über einen langen schattenlosen Weg durch die Sommersonne. „Du trainierst hier für die Durchquerung der Danakil-Wüste“, war meine Antwort.

Gerne hätte ich meiner eigenen Tochter so etwas wie das Wochenendhaus in der Fischbeker Heide gegönnt. Das ging leider nicht. Aber schon die Wege mit der Kinderkarre versuchte ich so zu legen, dass es irgendwas zu sehen gab, und wenn es nur impressionistisch durch das Laub fallendes Sonnenlicht im Park war. Im Kindergartenalter schlichen wir fast eine halbe Stunde um eine Eiche herum, um herauszufinden, wer da oben im Geäst herumklopft. – Laternelaufen mit den Nachbarskindern, – die brachten ihren Eltern dann meine spontan erfundene Geschichte von im Mondlicht tanzenden Elfen mit.

Betreffs Nachbarskinder: die wohnen im jetzigen Jahrhundert oft weit weg. In der Grundschule betrug der Weg meiner Tochter zur nächsten Klassenkameradin einen Kilometer. Und wenn die dann auch noch andere Interessen hat, dann erlahmt die Lust am draußen im Wald Spielen. Allein geht man ein. Irgendwann ist Daddy ja auch nicht mehr der richtige Kumpel zum Weidentipi-Bauen. Also ist auch er Pillenknick ein Grund für das Aussterben der Wurzelbergmohikaner.

Eben ging mein Blick aus dem Fenster. Vorhin kam mit schwerem Flügelschlag ein Graureiher vorbei. Und jetzt toben da gerade zwei Buntspechte herum. Auf der Nebenstraße kommt eine Mutter mit ihrem Sprössling vom nahegelegenen Kinderhort. Sie sieht die Buntspechte nicht. Sie sieht auch ihr Kind nicht.

Sie schaut auf ihr Smartphone.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wo sind die letzten Mohikaner?

Scott KarteEin Beitrag zu Torstens Blogparade „Ist Abenteuer erleben heute noch möglich?“

“Now when I was a little chap I had a passion for maps. I would look for hours at South America, or Africa, or Australia, and lose myself in all the glories of exploration. At that time there were many blank spaces on the earth, and when I saw one that looked particularly inviting on a map (but they all look that) I would put my finger on it and say, When I grow up I will go there“

(Joseph Conrad, Heart of the Darkness. 1899)

Ich hatte noch etwas Zeit und bummelte in einem Buchladen herum. Buchladen? Kein passender Begriff für diese mehrstöckigen Geschäfte mit riesiger Verkaufsfläche und wenig Personal, die es jetzt in den Innenstädten gibt. Egal, ich wollte ja nichts kaufen.

Bei uns passt sowieso nichts mehr ins Regal, Bücher stehen schon in zweiter Reihe oder liegen quer obenauf. Letztens hatte ich mich erst schweren Herzens von einigen dicken Bänden getrennt, die noch aus meiner Jugendzeit stammten. „Robinson Crusoe“ war darunter, „Die Schatzinsel“ und „Lederstrumpf“. Noch einmal ein wehmutsvolles Blättern, dann kammen sie in die Flohmarktkiste, um neuem Lesestoff Platz zu machen. „Huckleberry Finns Abenteuer“, „Der Schatz in Silbersee“ und die drei „Winnetou“-Bände, vergilbte Erbstücke meines Vaters, schob ich aber doch zurück ins Regal.

Das war die Jugendliteratur für Generationen von Jungs. Alfred Andersch hatte ihnen in „Sansibar oder der letzte Grund“ und „Kirschen der Freiheit“ ein Denkmal gesetzt.

Crusoe

Verschollen: Robinson. (Bild gemeinfrei. Quelle: wikipedia.org)

„Mal schauen, wie die heutigen Ausgaben aussehen“, dachte ich und steuerte die Jugendabteilung des Buchwarenhauses an. Aber Weiterlesen

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Leben…

 

Thoreau Zitat…wie ich es verstehe.

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Aufschlagmarken von Bomben auf Pflastersteinen

Immer wenn ich mit dem Rad zum Wochenmarkt in unserem Viertel auf dem Kieler Westufer unterwegs war, sind mir im Kopfsteinpflaster ganz bestimmte Steine aufgefallen. Sie zeigten, vom Zentrum ausgehend, mehr oder weniger sternförmig nach außen gehende Risse.

Pflasterstein Scharnhorststr

Keine Anzeichen einer normalen Verwitterung, denn die sieht bei Granit anders aus und ist bei Pflastersteinen sowieso unwahrscheinlich. Es musste eine massive Gewalt punktuell auf den Stein eingewirkt haben. Ein früherer Arbeitskollege, der als Jugendlicher im zweiten Weltkrieg die Luftangriffe auf Kiel miterlebt hatte, erzählte mal davon, dass Brandbomben ihre Spuren auf dem Pflaster hinterlassen hätten und dass die in irgendeiner Straße noch sichtbar seien. Nur habe ich vergessen, welche Straße er genannt hatte. Auch fehlte mir eine genaue Beschreibung. Aber so etwas musste das hier sein: Aufprallmarken entweder von Stabbrandbomben oder von Blindgängern. (Die Detonation einer Sprengbombe hätte sicher ein größeres Loch gerissen.)

Letztens hat es in der Yorkstraße Bauarbeiten gegeben. Zwar wurde das historische Kopfsteinpflaster wieder ordentlich verlegt, aber der eine besagte Stein ist dabei verschwunden. Grund genug für mich, die anderen Steine mit einer ebensolchen Aufschlagmarke zu fotografieren, bevor auch er irgendwann unbeachtet abhanden kommt. Einen fand ich ganz in der Nähe in der Scharnhorststraße (Abb. oben und nachfolgend)

Kopfsteinpflaster Scharnhorststr

Weniger auffällig dieser Plasterstein in der Yorkstraße:

Aufschlagmarke Yorkstr

Ich lade dazu ein, auch mal auf die kleinen, unscheinbaren Zeichen der Geschichte in unseren Städten und sonstwo in der Landschaft zu achten.

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Shoreline spotting: How your photo helps scientists.

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Feel free to share.  (Driftline Papers CC BY-SA 3.0)

Hello Coastsiders, Beachwalkers, Fishermen, Environmentalists and Holydaymakers all over the world! 🙂

Do you like to take part in a worldwide scientific survey on coastlines? The aim is to get images from coasts all over the globe. From als many sites as possible. Geographers from the Coastal Risks and Sea-Level Rise Research Rroup (CRSLR) at Kiel University (Germany) need them to estimate the impact of sea level rise on the shoreline. Impossible without the help of wayfarers and locals out there on the banks.

Blick von oben

Flooded beach: the surf takes it’s prey. View down from the top of the cliff.

So please join the project! The only thing to do is to upload your own image of the coast you are, to place it on the right site on the map (if your smartphone doesn’t transfer the position automaticly) and chose the geological material of the site: sand, pebble , rock, ice or mud.

Kliffabbruch

Shifting coastline: current slip at the cliff.

Not necessary to be a fine art photographer, but to be on the spot. Perhaps you are the first one or the only one on your site. 🙂
No registration required.

More information on the website: http://www.coastwards.org/
or on Facebook: https://www.facebook.com/coastwards/?fref=nf
Please share! 🙂

Dänisch-Nienhof2

Pebble beach with flood ridge.

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„Shoreline spotting“ für www.coastwards.org – Ein Forschungsprojekt zum Mitmachen.

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Ich mach mal Werbung. Foto von mir, darf aber gerne weiterverbreitet werden. (Driftline Papers CC BY-SA 3.0)

„Now when I was a little chap I had a passion for maps. I would look for hours at South America, or Africa, or Australia, and lose myself in all the glories of exploration. At that time there were many blank spaces on the earth, and when I saw one that looked particularly inviting on a map (but they all look that) I would put my finger on it and say, ‚When I grow up I will go there.‘ The North Pole was one of these places, I remember. Well, I haven’t been there yet, and shall not try now. The glamour’s off. […]

„True, by this time it was not a blank space any more. It had got filled since my boyhood with rivers and lakes and names. It had ceased to be a blank space of delightful mystery–a white patch for a boy to dream gloriously over. (Joseph Conrad, Heart of Darkness. 1899)

So wie Charles Marlow, dem Protagonisten in Joseph Conrads Roman, geht es wohl allen Jungs, sofern sie auch über ein Mindestmaß an Phantasie verfügen. Ich selbst war immer viel mit dem Finger auf der Landkarte unterwegs, damals, als Kind inmitten der Wohnblocks der Großsstadt. Nur, dass es keine weißen Flecken auf der Karte mehr gab. Lediglich die Polargebiete boten im Atlas meiner Eltern noch Platz für das Wort „unerforscht“. Aber auch das stimmte schon nicht mehr. Man war längst dazu übergegangen, die Welt mit Flugzeug zu vermessen.

Kurze Zeit später erfassten Satelliten jeden Winkel des Globus. Das Ergebnis kann jeder, der über einen Internetanschluss verfügt, auf Google Earth vom heimischen Wohnzimmer oder wo auch immer aus aus betrachten. Vorbei die Zeit, als ein Roald Amundsen mit einem gewöhnlichen Heringskutter und einer siebenköpfigen Besatzung Entdeckungsgeschichte schreiben konnte.

The glamour’s off.

Nordpolkarte 1926

Unerforscht? Heute nicht mehr! Karte aus einem alten Schulatlas. (Wer findet den Druckfehler?)

Aber manchmal kommt doch so das heimlich-zufriedene Gefühl auf, der Erste zu sein. Nämlich dann, wenn ich nach einem Sturm früh morgens eine Strandwanderung mache. Wenn Wind und Brandung alle Spuren jener Leute, die vor mir da waren, ausradiert haben.

Brandung

Brandung bis zum Fuß des Kliffs.

Die Küste ist dann wirklich neu. Sie verändert sich nämlich ständig. Nicht viel, aber doch erkennbar. Und so, wie ich sie dann sehe, hat sie noch nie jemand anders gesehen. Das klingt pathetisch, ist aber simple Geologie. Steilküsten werden von der Flut zernagt, die Brandung wirft Strandwälle auf, Sandbänke bilden sich neu oder verschwinden. Die Dynamik der Natur in Werden und Vergehen, – und ich darf zuschauen, darf Zeuge sein. Das hat sogar einen Namen: Aktuogeologie.

Dänisch-Nienhof2

Strandwälle aus Eiszeitgeröll. Jede Überflutung hinterlässt ihre Signatur.

So erholsam die Strandeinsamkeit ist, meine bescheidene Entdeckerfreude kann ich mit niemandem teilen. Zwar mag wohl jeder das Rauschen der Wellen, aber wer interessiert sich schon für Brandungskehlen, Nehrungshaken und Höftländer?

Oder doch jemand?

Kürzlich sah ich einen NDR-Fernsehbeitrag über das Projekt Coastwards einer in Kiel an der Christian-Albrechts-Universität angesiedelten Forschergruppe. Diese firmiert unter dem Bandwurmnamen Coastal Risks and Sea Level Rise Research Group, kurz CRSLR. Es geht also, wie der Name sagt, um die Risiken des Meeresspiegelanstiegs für Küsten und deren Auswirkung für die Menschen. Dazu muss man freilich die Küsten, ihre Beschaffenheit und ihre Anfälligkeit für Überflutungen und Erosion kennen.

Ich gebe zu, dass ich überrascht war: Die Geografen bitten Touristen, Badeurlauber, eingeborene Fischköppe, Muschelsammler und wer sich auch immer am Meeresufer herumtreibt, um Mithilfe. Den Radarscans aus dem Weltall und stereoskopischen Luftbildanalysen der Wissenschaftler fehlt nämlich etwas ganz Entscheidendes, was ich als hundsgewöhnlicher Strandgänger in bester Qualität zu bieten habe. Nämlich den Blick aus nächster Nähe. Ich bin ganz nah dran!

Blick von oben

Angriffslustige Wellen. Blick von der Kliffkante hinunter auf den Strand.

Das Einzige, was ich benötige, ist eine Digitalkamera, z. B ein modernes Mobiltelefon, und die Möglichkeit, ein Foto von dem Küstenabschnitt auf die Webseite der Forschergruppe hochzuladen. Entweder direkt von Ort und Stelle mit dem Handy, wenn ich dort „Netz habe“. Oder vom PC zu Hause aus. Mehr braucht man nicht, nicht einmal ein Account auf dem Website ist vorgesehen.

Sofern das Handy den Standort nicht automatisch überträgt, sollte man natürlich wissen, wo genau die Aufnahme entstanden ist, um sie per drag and drop richtig auf der Weltkarte zu platzieren.

Screenshot 1

Screenshot: Positionieren auf der Luftbildkarte.

Und man sollte angeben können, ob die fotografierte Küste aus felitischem, psammitischem oder psephitischem Sediment…
…Quatsch! 😀
Natürlich sind keine Fachkenntnisse gefragt! Es ist nur anzuklicken, was das vorherrschende Material auf dem Bild ist: Schlamm (z. B. Schlickwatt, Mangrovensumpf), Sand,  Steine (grober Kies, Geröll), Fels oder Eis (z. B. eine Gletscherfront oder Schelfeis) ist. Aber auch von Menschenhand Gemachtes, z. B. Deiche, Tetrapodenwälle, mit Basaltblöcken befestigte Böschungen oder Tsunamischutzmauern, sind in der Küstengalerie erwünscht.

Screenshot 2b

Die Buhne bei Bülk dürfte von Menschen gemacht sein, oder?

Was dann für die Einen ein Zeitvertreib beim Strandpicknick ist, bedeutet für die Anderen den Zugriff auf die Hilfe zehn- oder hunderttausender von Mitarbeitern vor Ort, überall auf der Welt. Wenn denn genügend Leute mitmachen.

Aber soll man das überhaupt tun, Krethi und Plethi zum fotografieren und zum ins Netz stellen ihrer Bilddateien auffordern?  Es gibt doch viel zu viel hingeknipsten Müll. Das kennen wir doch alle: Legionen von Eiffeltürmen, gedankenlos auf Google-Earth in der Mitte Frankreichs abgestellt, weil da irgendwo Paris ist. Das drölfzigmillionste Katzenfoto auf Fakebook. Das dämliche Selfiegrinsen von Touristen vor heiligen Schreinen und gotischen Altären, ohne Gedanken daran, was das überhaupt für ein Ort ist. Und auch die Möwe auf dem Poller, den Sonnenuntergang mit schief im Bild hängendem Horizont und die herzige in den Sand gekratze Liebeserklärung haben wir doch schon gesehen. So viel visuelles Geschwätz, – soll man da nicht aus purem Trotz die Kamera in der Tasche lassen?

Den Geografen des CRSLR-Teams an der Uni Kiel sind fotografisch-künstlerische Qualitäten egal, solange die geologische Beschaffenheit der Küste erkennbar ist und keine persönlichen Details preisgegeben werden. (Der Backfisch auf dem Badelaken, so knusprig braun er auch in Sonnenöl gegart ist, fliegt nämlich genau so raus wie der über die Badehose quellende Spitzbauch von Karl-Heinz.) Und, wer nicht will, der muss sich das ja auch nicht angucken.

Aber vielleicht gebiert die Followerpower ja eine völlig neue Spezies in der Gattung der Küstenratten. Es ist ja schon eine illustre Gesellschaft, die sich da am Spülsaum einfindet: Geschiebesammler und Hobby-Ornithologen. Bernstein- und Seeglassucher. Künstler, die auf seltsam geformtes Treibholz aus sind. Strandjutter und Beachcomber, die mit über Bord gegangener Schiffsfracht Neuzeitarchäologie treiben. Die noch junge, aber international vernetzte Gemeinde der Flaschenpostler. Warum soll da nicht auch noch eine Sorte von Amateurgeologen hinzukommen, die mit der Kamera ortsspezifische Küstenformen ausbaldowern und ihre Veränderungen über die Jahre hin dokumentieren? Wenn es Shipspotter und Planespotter mit ihren eigenwilligen fotografischen Vorlieben gibt, warum dann nicht auch Shoreline-Spotter?

Kliffabbruch

Frischer Küstenabbruch (Rutschung) am Steilufer bei Stohl (Schwedeneck).

Um einen solchen Menschenschlag für das Projekt zu gewinnen, sollte das von der Forschergruppe eingerichtete Website  www.coastwards.org allerdings noch etwas aufgepimpt werden. Bislang ist es puritanisch-karg, was wohl dem Wunsch nach leichter Bedienbarkeit mit Mobilgeräten geschuldet ist. Aber etwas mehr Farbe, – schließlich geht es um Fotos -,  darf schon sein. Ich würde mir auch eine bessere Navigation innerhalb des Sites mit Hilfe eines Registers wünschen. Das muss die Übersichtlichkeit nicht einschränken.

Wer sich beteiligt, sollte sich allerdings über eines im Klaren sein: Durch den Upload des Bildes verzichtet man auf jegliche(!) Urheberrechte. Man entlässt es in die Gemeinfreiheit.

Scrennshot 4

Den Bedingungen hinterhergeklickt. (Screenshot)

Einerseits einleuchtend, die Wissenschaftler wollen die Aufnahmen ja für Publikationen nutzen können, und das möglicherweise nach Jahren oder Jahrzehnten. Da ist es unmöglich, den Bildrechten unauffindbarer Internetnutzer nachzujagen. Aber journalistisch oder künstlerisch ambitionierte Fotografen, wozu auch Fotoblogger gehören, werden nur trocken hüsteln. Dabei haben sie unendlich viel zu bieten (Beispiel => hier). Auch die Kollegen aus Nachbardisziplinen, die in der Welt herumkommen, sollten eingebunden werden (Beispiele => hier und => hier). Wenn ihr die hinzugewinnen wollt, dann braucht ihr eine zweite Ebene mit differenzierten Lizenzen.

Weiter rate ich dem Team zu einem Feedback. Wörtlich: Rück-Füttern. Wer etwas (Fotos) haben möchte,  der sollte auch etwas zurückgeben, um seine Untersützer bei der Stange zu halten. Ich denke da an ein Blog mit zwanglosen Beiträgen und Erlebnisberichten aus dem Forscheralltag, kurze, leicht verständliche Sachinformationen zum Thema (gerne etwas weiter gefasst), vielleicht auch mal einen Kommentar aus geografischer Sicht zu dem einen oder anderen Foto. Werft dazu mal einen Blick auf das Blog Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums für Material und Küstenforschung in Geesthacht.

Also: Ärmel aufkrempeln!

Emil2

Da guckste, wa?

Viel Erfolg!

Noch einmal die Links:
http://www.coastwards.org/ – für den Foto Upload und für das Anschauen der Fotos auf der Weltkarte.
https://www.facebook.com/coastwards/ – die Seite des Projektes auf Facebook.
http://www.crslr.uni-kiel.de/en/ – die offizielle Seite der Forschungsgruppe bei der CAU Kiel.

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Und solange es noch kein Foto aus Nordgrönland gibt, noch das hier. Es gibt sie eben doch noch, die abenteuerlustigen Fahrensleute auf kleinen im Polarmeer kreuzenden Gaffelschonern. Von wegen „the glamour’s off“! 😉

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