Wo sind die letzten Mohikaner?

Scott KarteEin Beitrag zu Torstens Blogparade „Ist Abenteuer erleben heute noch möglich?“

“Now when I was a little chap I had a passion for maps. I would look for hours at South America, or Africa, or Australia, and lose myself in all the glories of exploration. At that time there were many blank spaces on the earth, and when I saw one that looked particularly inviting on a map (but they all look that) I would put my finger on it and say, When I grow up I will go there“

(Joseph Conrad, Heart of the Darkness. 1899)

Ich hatte noch etwas Zeit und bummelte in einem Buchladen herum. Buchladen? Kein passender Begriff für diese mehrstöckigen Geschäfte mit riesiger Verkaufsfläche und wenig Personal, die es jetzt in den Innenstädten gibt. Egal, ich wollte ja nichts kaufen. Bei uns passt sowieso nichts mehr ins Regal, Bücher stehen schon in zweiter Reihe oder liegen quer obenauf. Letztens hatte ich mich erst schweren Herzens von einigen dicken Bänden getrennt, die noch aus meiner Jugendzeit stammten. „Robinson Crusoe“ war darunter, „Die Schatzinsel“ und „Lederstrumpf“. Noch einmal ein wehmutsvolles Blättern, dann kammen sie in die Flohmarktkiste, um neuem Lesestoff Platz zu machen. „Huckleberry Finns Abenteuer“, „Der Schatz in Silbersee“ und die drei „Winnetou“-Bände, vergilbte Erbstücke meines Vaters, schob ich aber doch zurück ins Regal.

Das war die Jugendliteratur für Generationen von Jungs. Alfred Andersch hatte ihnen in „Sansibar oder der letzte Grund“ und „Kirschen der Freiheit“ ein Denkmal gesetzt.

Crusoe

Verschollen: Robinson. (Bild gemeinfrei. Quelle: wikipedia.org)

„Mal schauen, wie die heutigen Ausgaben aussehen“, dachte ich und steuerte die Jugendabteilung des Buchwarenhauses an. Aber da war nichts davon. Jede Menge Mystery- und Fantasyliteratur, Reiterhof- und Teenie-Liebesgeschichten, auch ein paar historische Romane. Aber kein Defoe, kein Cooper, kein Stevenson, kein Karl May. Ich wechselte in die Klassiker-Abteilung, aber auch dort fand ich nichts davon. Nicht einmal „Moby-Dick“, der ja wahrlich ein Stück Weltliteratur ist.

Nun, ich gehöre jetzt wohl endgültig zu den Alten. Die junge Generation hat einen anderen Geschmack. Da wäre ja auch gar nichts dabei, wenn mich nicht etwas Anderes nachdenklich machen würde.

Buchhandlung

Die neuen „Klassiker“.

Ich wohne ich der Stadt, aber hier in der Nähe sind ein paar kleine Waldstücke. Ideal für Kinder zum Indianerspielen, zum auf Bäume Klettern, zum Bauen von Reisighütten und Verstecken. Nur sehe ich sie nicht. Nicht, weil die Wurzelbergindianer das Schleichen auf dem Kriegspfad so gut berherrschten, sondern weil es sie nicht gibt. Sind die letzten Mohikaner wirklich ausgestorben? Oder wo sind sie hin?

Das war früher anders. Ich wuchs in der Großstadt, in Hamburg auf. Natur musste man dort suchen. Aber wir Buttjer suchten und fanden sie. Oder bildeten uns zumindest ein, in der Wildnis zu sein, wenn wir, bewaffnet mit Knallplätzchen-Pistolen, dem einzigen Bachlauf in der Gegend bis zu dem Betonrohr folgten, aus dem er hervor kam. Natürlich krochen wir auch in das Rohr hinein, bis es nicht mehr weiter ging. Und wir stauten den Bach auf, bis uns die Gummistiefel voll liefen.

Andere Expeditionen führten uns in leerstehende Bunker, die es damals noch gab. Im Inneren kokelten mit Kerzen geheimnisvolle Zeichen an die „Höhlendecke“. Archäologen der Zukunft werden ihre Freude daran haben.

Bunkerbeton

Über Bunker war noch nicht viel Gras gewachsen.

Ein Piratenschiff hatten wir nicht, aber wir enterten in einer waghalsigen Kletterpartie ein Schrottschiff auf den Schiffsfriedhof in Moorburg. Das Herz schlug uns natürlich bis zum Hals, denn der Schrotthändler hatte einen Hund, der genau das verhindern sollte.

Thor Heyerdahl inspirierte uns zum Bau von Flößen und Schilfbooten in Kleinformat, die wir auf der Elbe segeln ließen. Wenn wir schon nicht selbst damit auf große Fahrt gehen konnten, dann doch wenigstens ein Plastikindianer aus der Spielzeugkiste.

An Fernreisen war damals, so um 1970 herum, nicht zu denken. Bei dem Etat meiner Eltern war nicht einmal Mallorca drin. Urlaub in Deutschland war damals noch wesentlich billiger als im Ausland. In der Vorsaison auf die Schwäbische Alb, das ließ sich machen.

Die Bärenhöhle wollten wir sehen. Ein Anruf aus der Telefonzelle, – „Ja, heute ist der erste Tag geöffnet.“  Der Busfahrer setzt uns an einer Bedarfshaltestelle ab, irgendwo auf einen mit Altschnee bedeckten Feld, und wedelt mit der Hand in eine Richtung.

Würtembergische Pampa. Keine Hinweistafel, keine Wegweiser. Hatten wir überhaupt eine Karte? Ich glaube nicht. Grauer Himmel. Krähenspuren im Schnee, der Weg nur hier und da zu erkennen. Eine altersschwache Holzscheune. Ob da eine Wanderwegmarkierung dran ist? Nein, – also zurück, anders weiter. Schließlich in der Ferne Geräusche einer Straße. Ein Wald, endlich Wegweiser. „Zur Belohnung“ eine Privatführung durch die Höhle, an diesem trüben Tag am Anfang der Saison waren wir die ersten Gäste. Eindrücke, die sich in meine Kinderseele eingeprägt haben.

Heute ein schneller Blick auf Google-Earth: das Feld ist gar nicht so groß wie in meiner Erinnerung. Um die Höhle herum ein großes Angebot in Sachen Tourismus, ein Freizeitpark. Ich weiß nicht, ob ich da noch mal hin möchte. Aber die Erinnerung an dieses weite, einsame Schneefeld bleibt.

Natürlich träumte ich über den Horizont kleinbürgerlicher Reiseziele hinaus. Im Bücherschrank meine Großvaters hatte ich Robert E. Pearys „Die Entdeckung des Nordpols“ gefunden. Der Inuit-Wohnplatz Etah bekam für mich den gleichen Zauberklang wie Timbuktu, Katmandu, Simbawe, Sepik oder Klondike. Zu Weihnachten wünschte ich mir große Karten der Polargebiete, die ich mir an die Wand meines Kinderzimmers hängen wollte, um die Reisestrecken der Expeditionen einzutragen. Ich habe sie nie bekommen.

Fahrtenmesser2

Mein erstes Fahrtenmesser.

Bei aller Begeisterung für beispielsweise Alaska und meiner Bewunderung für Katherene Pinkerton und ähnlichen Autoren, ich hatte nie Ambitionen, es wie Christopher McCandless zu machen, alles hinter mir zu lassen und dann Mangels Kondition und wirklicher Bushcraft-Skills in der Wildnis zu sterben. Imerhin, ich war ein paarmal mit Rucksack und Zelt in Lappland.

Und begonnen hat das als kleiner Pöks mit den oben genannten Büchern. Mit dem Kauf eines ersten Fahrtenmessers – da kam Mama noch mit, ich war ja erst zwölf – für 8,50 DM mühsam gesparten Taschengeldes. Für den Preis war es gar nicht mal schlecht, es hatte sogar einen richtigen Hirschhorngriff.

Später ging es mit den Pfadfindern weiter, aber auch vielen Wanderungen „ganz alleine“, nächtlichen Exkursionen mit Naturfreunden auf der Suche nach Käuzen im Schneewinter 1979 und Radtouren im Hannoverschen Wendland. Und, klar – im Hüttendorf bei Gorleben war ich auch. „Landmeninger“ nannten uns die Bauern da.

Mein Zelt liegt inzwischen schon länger aufgerollt im Keller. Aber ich habe es noch, und ebenso meinen Traum, einmal von Kvikkjokk nach Änonjalme durch den Sarek zu wandern. Nur ist das nichts für meine Liebste, – Rücken und so. Aber mein Sprössling fragt gelegentlich danach.

Hm, ja, by the way, – meine Liebste und Abenteuer…

…eine beschauliche Radtour am Sonntagnachmittag. Ziel: ein kleines schnuckeliges Gartenlokal. Strecke kurz, problemlos, eindeutig. Nicht nötig, eine Karte mitzunehmen. Das liegt vor unserer Haustür, wir kennen uns aus. „Lass uns mal diesen Weg reinfahren, das geht soch auch in die Richtung.“ Ein Schuttabladeplatz, verrostete Ackergeräte. Ein Tunnel unter einer stillgelegten Bahnstrecke. Ein Feldweg über ein abgeerntetes Maisfeld.

Ende im Gelände. Der Weg hört einfach auf, einfach so!

Rechts irgendwo ein kleiner Tümpel mit ein paar Bäumen. Links ein Knick. Hinten ein Knick. Ansonsten: Acker. Maisstoppeln. Treckerspuren. Trittsiegel von Rehwild. Sommerhitze.

„Weißt du, wo wir jetzt sind?“ – „Irgendwo in der innersten Heimat. Schleswig-Holstein oder so, man erkennt es an den vielen Knicks.“

„Da hinter dem Knick da muss ein Weg sein.“ Also hin. Dem Kompass nach – ich habe immer einen im Rucksack- ist es die richtige Richtung. Aber kein Weg hinter der Hecke.

Hinter dem anderen Knick, einige hundert Meter entfernt, auch nicht. Wir schieben die Räder die Treckerspuren entlang. Ich bleibe stehen, um die Gangschaltung vom Stroh zu befreien, mein Schatz erkundet am Feldrand ein Waldstück. Unbewirtschaftet, nicht einmal ein Trampelpfad führt dorthin. – Urwald!

Acker

Ende Gelände. Steppe in Fischkoppistan.

Nach einem weiteren halben Kilometer heben wir unsere Räder über einen Graben und sind auf einer Straße. Und erreichen bald ein Gartenlokal. Ein anderes als geplant, aber eines, das wir kennen. Und in dem uns der Kaffee jetzt besonders gut schmeckt.

Motorradfahrer, ein älteres Paar, suchen einen Platz. „Setzen sie sich doch zu uns dazu,“ meine ich ganz unnorddeutsch. „Gern, danke!“

Die Biker pellen sich aus dem Leder. – „Entschuldigen Sie, Sie haben da diesen Aufkleber von der Route 66 auf dem Helm. Sind sie da mal gefahren?“

Ja, sie waren da. Der Dicke mit Bart beginnt zu plaudern. In New Mexico gibt es noch den alten Flair. Sonst ist viel der Strecke überbaut, alles modern.

Abenteuer? Ja, die gibt es bestimmt noch. Aber anders.

Und ich frage mich immer noch, wo Lederstrumpf und Chingachgook geblieben sind. Das Verschwinden der letzten Mohikaner aus den Stadtrandgehölzen macht mir Gedanken. Vielleicht sollten wir mal eine ethnologische Expedtion in die innerste Heimat unternehmen und sie suchen.

Oder besser, wir schenken unseren Sprösslingen, Patenkindern und Enkeln im angemessenen Alter ein Fahrtenmesser und einen Kompass, gehen mit ihnen raus und zeigen ihnen, was man damit macht.

Kompass1

Als ich neun Jahre alt war, zeigte mir mein Vater mit diesem simplen Stück den Umgang mit Kompass und Karte.

Denn es wäre doch schade, wenn „Abenteuer“ nur ein Werbeetikett für fertig geplante Pauschalreisen werden würde, in denen vielleicht ein paar geführte Wandertouren vorgesenen sind.

Einen Fortsetzungsbeitrag gibt es => hier.

 

 

 

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7 Gedanken zu „Wo sind die letzten Mohikaner?

  1. Pingback: Aufruf zur Blogparade: Ist Abenteuer erleben heute noch möglich?

  2. Hallo Peter,

    auch dir ein Riesendanke für deinen Beitrag! Robinson und Winnetou – die kenne ich auch noch! Danke auch für deine beschriebenen Abenteuer – und ja, man darf sich auch mal verlaufen.

    Beste Grüsse

    Torsten

    • Verlaufen? Neuland erkunden! 🤠
      Nee, im Ernst: Als wir da nach unserer Runde über diesen Acker im Café saßen, waren wir eigentlich ganz glücklich über das Erlebnis. Wir hatten die Gegend einfch ein bischen mehr kennengelernt. Und die Erkenntnis, dass es da ein kleines, aber total „wildes“ Waldstück gibt, von dem wohl nur der Bauer und der Jagdpächter wissen, das hat was. 🙂

  3. bettinawiebe

    Welch schöner Artikel über die kleinen Abenteuer, die wir auch heute noch erleben können, wenn wir es denn zulassen! Es muss keine Weltreise sein, ganz sicher nicht!
    Ich wünschte, alle Kinder würden in der heutigen Zeit ähnliche Erlebnisse erleben dürfen. Das würde so manches in’s richtige Lot bringen.
    Liebe Grüße
    Bettina

  4. Wenn ich das so lese und »damals« mit »heute« vergleiche: Noch vor 10 Jahren Nachtwanderungen mit einer Gruppe von Teenager -> Abenteuer. Ob auf vom Mondschein leuchtenden Kieswegen oder durch den dunklen Wald, alles wurde wahrgenommen. Auch die »Geräusche der Nacht«.

    Das Gleiche zuletzt noch mal vor 3 Jahren begleitet… Ohne Smartphone und Boom-Box wollte der größte Teil gar nicht losziehen. 😦

    Vom Display blau angeleuchtet und daher fahl im Dunkel leuchtende Gesichter stolperten durch den Wald. Selbst der Kiesweg war wohl zu uneben, hier und da lag manche/mancher fast auf der Nase. Dank der »freiwilligen Selbstblendung« war auch jegliche Wahrnehmung im Dunkeln ausgelöscht worden.

    Lederstrumpf und Chingachgook wurden durch Smartphone und die »Große Schlange« an den wenigen Steckdosen in der Unterkunft abgelöst. Das größte Abenteuer aus Sicht der Teilnehmer war ob sie noch ihr heißgeliebtes Ladegerät in eine Steckdose packen können.

    Ich war enttäuscht. Aber man muss wohl akzeptieren das »Abenteuer für uns« nicht auch »Abenteuer für junge Leute heute« sind. Ausnahmen bestätigen die Regel… 😦

  5. Pingback: Die Eltern der Wurzelbergmohikaner und die Generation Handy | weltbeschauerei

  6. Pingback: Auswertung der Blogparade Ist Abenteuer erleben heute noch möglich?

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