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Die Eltern der Wurzelbergmohikaner und die Generation Handy

In meinem letzten Artikel hatte ich gefragt, was mit den heutigen Kindern los ist, warum sie nicht mehr draußen herumstrolchen und Indianer spielen, selbst dann, wenn sie von der Umgebung her die Gelegenheit dazu haben.

Ich erhielt privat eine Antwort einer Bekannten. Wir sind in gleichem Alter. Sie lebt auf dem Lande. Ihr  Dorf wäre für mich als Stadtkind früher der absolute „Wir Kinder aus Bullerbü„-Traum gewesen. (Am Rande bemerkt: In unserer an sich gut ausgestatteten Leibücherei gibt es diese Bücher von Astrid Lindgren nicht mehr!). Auch sie macht die Erfahrung, dass Kinder, sofern sie überhaupt rausgehen, Hof und Garten kaum verlassen. Das Herumstreifen in Feld und Flur wird verschmäht. Generation Handy: Smartphone und Tablet sind die besten Spielgefährten.

Vermutung der Freundin: Es liegt an den Eltern. Zumindest teilweise. Beide berufstätig, um den Lebensstandard zu sichern. Wenig Zeit für die Kinder. Die werden unterhalten, statt sich mit ihnen zu unterhalten. Man ist froh, wenn sie beschäftigt sind, statt sich mit ihnen zu beschäftigen. Oft zumindest, es gibt natürlich auch andere Familien.

Reisighütte

Hütten aus Zweigen und Ästen bauen, bald nur noch unter Anleitung im Waldkindergarten?

Auch meine Eltern waren beide berufstätig. Auch Samstags. Allerdings nicht für Eigenheim und dickes Auto, sondern weil wir arm waren. Meine Mutter drehte früher jede Mark dreimal um, bevor sie einkaufen ging. Allerdings waren sie trotzdem sehr präsent.

Präsent waren sie zum Einen, weil die Einzelhandelsgeschäfte meiner Großeltern, wo sie arbeiteten, in erreichbarer Nähe waren. Eineinhalb Kilometer Fußweg waren damals für ein Grundschulkind durchaus im Rahmen. Der Tante-Emma-Laden meiner Großeltern war eine Ladenwohnung, Oma und Opa wohnten dort und ich wurde dort groß. Ich erlebte, wie mein Opa die Milchkannen ausscheuerte, kam mit, wenn er zur Meierei fuhr oder Flaschenmilch auslieferte. Aber auch, wie er einen Nistkasten für den Hinterhof zimmerte oder aus Talg und Sonnenblumenkernen Vogelfutter mischte, es in Blumenpflanztöpfe goss und diese an den Kohlenschuppen hängte. Ich wusste, wo meine Eltern waren und meine Eltern wussten, wo ich war. Nur einmal nicht. Da hockte ich in einem Tunnel, den wir auf einem Trümmergundstück gegraben hatten. Muttern suchte mich irgendwann, und die Unschuldsmine, mit der meine Kumpels auf ihre Frage nach mir „Neeeee… keine Ahnung…“ sagten, muss erstaunlich echt gewirkt haben.

Wolfsburg

Auch bescheidener Urlaub war voller Entdeckungen.

Zum Anderen waren meine Eltern zu Hause präsent. Es gab regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten, zumindest morgens und abends. Da war Zeit zum Reden. Am Sonntag wurde immer etwas unternommen: ein Ausflug an die Elbe oder in die Schwarzen Berge bei Hamburg, wo mir mein Vater erste Schritte im Umgang mit Kompass und Karte zeigte, ein Museumsbesuch oder einmal im Jahr – wie gesagt, meine Eltern hatten nicht viel Geld – ein Besuch in Hagenbecks Tierpark. Alles in einem sehr kleinbürgerlichen Rahmen. Man mag das spießig finden. Aber meine Eltern versuchten mich neugierig zu machen und mir die Welt zu öffnen. Das rechne ich ihnen hoch an!

Wegen einer Körperbehinderung meines Vaters, später auch wegen der Krebserkrankung meiner Mutter, war an abenteuerlichere Outdoor-Unternehmungen nicht zu denken. Diesen Part übernahm mein Onkel. Ich erinnere mich an die Situation, wie er mir das Fahrradflicken beibrachte: spätabends unter einer Brücke, es regnete in Strömen. Ein Nagel von einer Baustelle steckte im Reifen.

Der Onkel hatte ein Wochenendhaus in der Fischbeker Heide bei Hamburg. Das Ein-Haus-Bullerbü für meinen Cousin und mich, einschließlich Kachelofen und Plumpsklo mit „Goldeimer“. Morgendliches Waschen im Freien mit Regenwasser aus der Zisterne. Trinkwasser holten wir Jungs in Kanistern mit dem Bollerwagen von einem knapp einem halben Kilometer entfernten Landschulheim.

Für uns Jungs war das das Paradies schlechthin. Egal ob wir hoch hinaus wollten (Hochsitze auf Bäumen bauen) oder tief hinunter (Erdhöhlen graben), es gab keine Grenzen. Jenseits des Grundstückzaunes begann der Wilde Westen: das Trockental mit seinen Heideflächen und der „Kuhteich“ waren nicht weit. Nicht einmal der Truppenübungsplatz der in der Nähe stationierten Panzergrenadierbrigade war trotz vieler Verbotsschilder vor uns sicher.

Einmal wollten wir Lagerfeuer machen. „Dann mauert euch mal eine Feuerstelle“, meinte mein Onkel.

„Mauern? Womit denn?“ – „Mit Feldsteinen und Lehm. In der Nähe vom Lehmbauern sind Gruben, da könnt ihr euch was holen.“ Wir wussten zwar, wo der Lehmbauer war – ein Haus mit einer Pferdekoppel am Tempelberg -, aber nicht wo dort im Wald Lehmgruben sein sollten. Wir wussten nicht einmal, was genau Lehm ist. Aber wir beluden den Bollerwagen mit Eimern und Spaten und zockelten los. Und stießen bei unserem zweiten Grabungsversuch tatsächlich auf Lehm.

Ich weiß nicht, ob mir jemals Würstchen so gut geschmeckt haben wie die, die wir am Abend über der selbstgemauerten und vorsichtig gebrannten Feuerstelle grillten. – Die besagten Mergelgruben waren später mal Teil des archäologischen Wanderpfades Fischbeker Heide.

Aber der Onkel nahm uns auch hart ran. Weder Lagerfeuer noch Kachelofen heizten sich von alleine. Es mussten Kienäppel (Kiefernzapfen) zum Anfeuern gesammelt und Brennholz herbeigeschafft werden. Einmal zerlegten wir eine umgestürzte Buche und holten das Holz mit einer Handkarre aus dem Wald. Eine ganze Buche, der Onkel und wir vielleicht vierzehnjährigen Jungs, rickeracke mit der Handsäge und – breitbeinig hinstellen, vorn und hinten darf niemand stehen! – mit der Axt gespalten. Sorgfältig aufgestapelt musste das Holz auch werden, Onkel duldete keine Unordnung.

Diese Erfahrungen waren das Potential für Unternehmungen in den Alter, als es besser war, ganz aus dem Blickfeld der Erwachsenen zu verschwinden. War ja nicht immer so lecker, was wir anstellten. Die Leichen überfahrener Katzen dekorativ in Bäume zu hängen oder sie als Moorleiche in einem Kesselmoor zu versenken und so was, wir waren wirklich kreativ!

Aber auch bei vergleichsweise seriösen Exkursionen und Ferienlagern, z. B. mit dem Deutschen Jugendbund für Naturbeobachtung, zehrte ich von dem, was Eltern und Verwandte grundgelegt hatten. Wir kamen da irgendwann in ein Alter und in Situationen, wo wir selbst Jüngere unter unseren Fittichen hatten. So gut ich konnte, gab ich meine Erfahrung, vor allem aber meine Mentalität weiter. Ein Junge, von dem ich wusste, dass er Rüdiger-Nehberg-Fan war, klagte einmal über einen langen schattenlosen Weg durch die Sommersonne. „Du trainierst hier für die Durchquerung der Danakil-Wüste“, war meine Antwort.

Gerne hätte ich meiner eigenen Tochter so etwas wie das Wochenendhaus in der Fischbeker Heide gegönnt. Das ging leider nicht. Aber schon die Wege mit der Kinderkarre versuchte ich so zu legen, dass es irgendwas zu sehen gab, und wenn es nur impressionistisch durch das Laub fallendes Sonnenlicht im Park war. Im Kindergartenalter schlichen wir fast eine halbe Stunde um eine Eiche herum, um herauszufinden, wer da oben im Geäst herumklopft. – Laternelaufen mit den Nachbarskindern, – die brachten ihren Eltern dann meine spontan erfundene Geschichte von im Mondlicht tanzenden Elfen mit.

Betreffs Nachbarskinder: die wohnen im jetzigen Jahrhundert oft weit weg. In der Grundschule betrug der Weg meiner Tochter zur nächsten Klassenkameradin einen Kilometer. Und wenn die dann auch noch andere Interessen hat, dann erlahmt die Lust am draußen im Wald Spielen. Allein geht man ein. Irgendwann ist Daddy ja auch nicht mehr der richtige Kumpel zum Weidentipi-Bauen. Also ist auch er Pillenknick ein Grund für das Aussterben der Wurzelbergmohikaner.

Eben ging mein Blick aus dem Fenster. Vorhin kam mit schwerem Flügelschlag ein Graureiher vorbei. Und jetzt toben da gerade zwei Buntspechte herum. Auf der Nebenstraße kommt eine Mutter mit ihrem Sprössling vom nahegelegenen Kinderhort. Sie sieht die Buntspechte nicht. Sie sieht auch ihr Kind nicht.

Sie schaut auf ihr Smartphone.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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