Beiträge mit dem Schlagwort: Jugend

Greta und die Hater

Ich lese viele erbittert ablehnende Kommentare zu Greta Thunberg. Diese Bitterkeit entbehrt jeder rationaler Argumentation.
Warum aber schlägt dem Mädchen so ein Hass entgegen?

20190920_121245Die Gründe sind diese: Greta Thunberg stellt konventionelle Gesellschaftshierarchien auf den Kopf. Üblicherweise werden Gesellschaften von alten, erfahrenen und kampferprobten Männern geführt. Oder von solchen, die diese Eigenschaften durch ihr Gehabe vortäuschen (Donald Trump täuscht Stärke durch ruppiges und rücksichtsloses Verhalten vor). Fräulein Thunberg ist aber ein äußerlich unscheinbares sechzenjähriges Mädchen, das aussieht als wäre es zwolf oder dreizehn. Und dieses Mädchen hat es geschafft, wahrgenommen und auf internationalen Politikertreffen gehört zu werden. Das erregt Neid.
Durch die prophetische Klarheit und Eindrücklichkeit ihrer Rede zeigt sie sich dem Politikergeschwafel überlegen. Durch den Wahrheitsgehalt ihrer Botschaft, bei der sich sich auf anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse berufen kann, offenbart sie eine größere Weitsicht und Intelligenz als der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten.
Ein kleines Mädchen, dass die Mächtigen der Welt vor den Augen der Welt zusammenstaucht, das ist für viele ein Phänomen, mit dem sie nicht klarkommen. Damit stellt sie die Rangordnungen in der öffentlichen Wahrnehmung auf den Kopf. Ja, es ist ein Rangordnungsproblem, das viele so echauffiert!
Vor allem die, an denen die Belanglosigkeit ihrer eigenen Durchschnittlichkeit nagt, erbost es, wenn jemand ohne Studium, ohne jahrelange Arbeit, ohne die Ochsentour durch Verbände, ja nicht einmal durch die Wahl in den Vorstand irgendeines Vereines nicht nur Massen von Jugendlichen, sondern auch Wissenschaftler auf der „Polarstern“ oder der Neumayer-Station in der Antarktis hinter sich bringt.

Ein Weiteres: Die Forderung nach mehr Umweltschutz – egal in welchem Bereich – beinhaltet eine Forderung nach einer Änderung des Lebensstiles jedes Einzelnen. Na klar, – da merken viele, dass ihnen etwas weggenommen werden wird: der Panzer in der Garage, der Billigflug in den Urlaub, das liebe Geld, wenn CO2 besteuert wird, die Sorglosigkeit ganz allgemein. Das tut weh! Und die Wut darüber wird dann gern auf die schwedische Aktivistin projeziert.

„Erderwärmung“ ist ein sehr abstakter Begriff. Zumindest solange man nicht selbst gerade von Dürre oder Überschwemmung betroffen ist. Der mitteleuropäische Normalbürger kann mit Zahlen und Statistiken allein wenig anfangen.
Aber Greta Thunberg gibt dem Klimaschutz ein Gesicht. Und sie gibt ihm klare Worte. Das macht sie zur Prophetin. Und Propheten hat man immer schon gesteinigt.

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Mädchen als Berufsbettlerinnen

Es ist nasskalt, dauernder leichter Regen, den ganzen Vormittag schon. Die Hände in den Taschen vergraben und mit zwischen die Schultern gezogenem Kopf laufe ich durch die Fußgängerzone. Da fällt mein Blick auf die junge Frau. Eine schäbige Decke über den Beinen sitzt an der Hauswand. Ein Pappbecher vor ihr wartet auf Gaben mildtätiger Passanten.

Bettler sieht man ja häufiger. Meistens sind es Männer, oft mit Hund und „auf der Durchreise“. Und ihre Biographien kennt man auch. Zumindest, dass drei Punkte immer wieder vorkommen: kaputte Beziehungen, Alkohol und Drogen, Verlust des Arbeitsplatzes.

Aber diese Frau, eigentlich ein Mädchen, – so jung und schon aus der Bahn geworfen?

Auf der Rolltreppe zum nahegelegenen Einkaufszentrum rattert es in meinem Kopf. Was könnte da los sein? Zu Hause rausgeworfen? Oder weggelaufen? Drogengeschichten? Vor allem, welcher von den Sozialberatern, die ich von kirchlichen Kontakten kenne, wäre jetzt erreichbar? Die machen doch jetzt Mittagspause. Gerade dann, wenn man sie braucht, läuft meistens nur der Anrufbeantworter. Egal, ich fahre mit der nächsten Rolltreppe gleich wieder nach unten.

Mit dem kleinen Schein, den ich dem Mädel in ihren Pappbecher stecke, werde ich nichts ausrichten können. Der soll mir nur als Grund für ein Gespräch dienen. Wohl wissend, dass es sich für alte Knaster wie mich nicht schickt, fremde Mädchen anzusprechen, egal aus welchem Grunde. Wie alt mag sie sein? 15 oder 16 vielleicht.

„Es tut weh, Sie hier in der Kälte sitzen zu sehen“, beginne ich. Sie schaut kurz auf, reagiert aber nicht. So vor ihr zu hocken, ist mir unangenehm, es wirkt zu konfrontativ. Also hocke ich mich lieber seitlich neben sie.

„Ich wollte gleich da oben in der Bäckerei einen Kaffee trinken. Mögen Sie mitkommen und sich da ein wenig aufwärmen? Ich bezahle Ihnen ein heißes Getränk und ’ne Kleinigkeit zu essen.“

Sie bleibt regungslos. Wie viele Männer mögen sie – mit womöglich schlechten Absichten – schon angesprochen haben? Trotzdem wage ich noch einen Versuch. „Ich kann Ihnen auch was herbringen!“

„Romania“, flüstert sie leise.

„Do you speak English?“ Sie schüttelt den Kopf und zieht sich wieder in ihre stille Passivität zurück. Immerhin, sie hat die Frage verstanden. Aber mehr kommt nicht. Ich beschließe, sie nicht weiter mit meiner Aufdringlichkeit zu behelligen.

Eine Passantin hat die Szene mitbekommen. „Haben Sie was herausbekommen?“ will sie wissen. „Sie ist aus Rumänien, spricht kein Deutsch und kein Englisch.“ – „Das sind Clans, das hat alles System“, klärt mich die Dame auf. „Die Mädchen machen das in Schichten, die lösen sich ab. Mal sitzen sie da, mal da“. Sie zeigt in verschiedene Richtungen der Fußgängerzone. Stimmt, letztens hatte ich unterhalb der Rolltreppe ein anderes Mädel sitzen sehen. „Und der Pate kassiert nachher alles ab, die dürfen keinen Penny für sich behalten!“

Genug Stoff zum Grübeln, während ich mir beim Bäcker die Hände am Kaffeebecher wärme. Alles nur eine Masche, so wie vor einigen Jahren die Sinti-Mütter, die mit Baby (manchmal war es auch ein älteres, aber ruhiggestelltes Kleinkind) auf dem Schoß, auf das Mitleid Vorübergehender spekulierten?

Klar, ein Mädchen, das da still im Regen kauert, rührt einem besonders das Herz. Weckt  Fürsorgeinstinkte. Und wenn in einer Stunde nur zwei oder drei Leute eine bescheidene Großzügigkeit an den Tag legen, dann bringt das mehr Gewinn als ehrliche Arbeit zum Mindestlohn. Das ärgert mich. Nicht wegen meines Almosens, dass der Alte nachher einstreichen würde. Mir tut das Mädchen leid. Die Mädchen, es sind ja mehrere. Nur eigentlich ganz hübsche Mädchen, keine Jungs. Mit fragwürdigen Versprechen von irgendwelchen Rattenfängern angelockt, werden sie ausgebeutet. Statt in die Schule zu gehen und dann etwas Gescheites zu lernen, verplempern sie so ihre Jugend. Und womöglich ihr Leben, für das ihnen dann eine solide Berufsausbildung fehlt. Was hat der Pate dann geplant? Man mag nicht weiterdenken…

Es ist ein Verbrechen, das sich da draußen abspielt. Das kann nach § 232b StGB sechs Monate bis zehn Jahre Knast für die Drahtzieher geben, wenn man sie nur kriegen würde. Die Täter wissen das und zwingen ihre Opfer zum Schweigen. So jedenfalls setzt meine Phantasie die Geschichte zusammen. Anders kann ich mir die Sache nicht zusammenreimen.

Man bäuchte jetzt also nicht nur irgendeinen Sozialberater, sondern jemanden, der Rumänisch kann und mit großem psychologischen Geschick irgendwie Zugang zu den eingeschüchterten Teenagerinnen findet. Und eine Unterkunft, wo die Mädels sofort untergebracht, betreut und geschützt werden. Man bräuchte jemanden, der das Zeug hat, sich mit der Bettelmafia anzulegen und den Paten vor Gericht zu bringen, zumindest aber dafür zu sorgen, dass keine Übergriffe stattfinden. Also eine Institution mit den nötigen Mitteln, Dolmetschern und Expertise.

Und, – das wäre der Traum! -, ein wohlhabendes Ehepaar, das sich statt Luxusyacht das Abenteuer leistet, so jemanden aufzunehmen, familiären Halt zu bieten und Lebensunterhalt, Krankenversicherung, Deutschkurse und Ausbildung zu bezahlen, bis das Menschenkind flügge ist.

Ich sitze hier, stochere in den restlichen Krümeln meines Haferflockenkuchens herum und weiß nicht weiter.

Wie lange hockt sie da wohl schon in der Kälte? Der Gedanke lässt mich frösteln. Bronchitis, Blasenentzündung und Gelenkerkrankungen sind vorprogrammiert. Der Pate bringt sie bestimmt nicht zum Arzt.

Ich bringe mein Tablett zur Geschirrückgabe und stelle mich noch einmal am Tresen an. „Noch einen Kaffee, bitte. Diesmal zum Mitnehmen.“ – Keine Ahnung, ob sie Kaffee mag.

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Post scriptum: Sie mag Kaffee!

 

 

 

 

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Die Eltern der Wurzelbergmohikaner und die Generation Handy

In meinem letzten Artikel hatte ich gefragt, was mit den heutigen Kindern los ist, warum sie nicht mehr draußen herumstrolchen und Indianer spielen, selbst dann, wenn sie von der Umgebung her die Gelegenheit dazu haben.

Ich erhielt privat eine Antwort einer Bekannten. Wir sind in gleichem Alter. Sie lebt auf dem Lande. Ihr  Dorf wäre für mich als Stadtkind früher der absolute „Wir Kinder aus Bullerbü„-Traum gewesen. (Am Rande bemerkt: In unserer an sich gut ausgestatteten Leibücherei gibt es diese Bücher von Astrid Lindgren nicht mehr!). Auch sie macht die Erfahrung, dass Kinder, sofern sie überhaupt rausgehen, Hof und Garten kaum verlassen. Das Herumstreifen in Feld und Flur wird verschmäht. Generation Handy: Smartphone und Tablet sind die besten Spielgefährten.

Vermutung der Freundin: Es liegt an den Eltern. Zumindest teilweise. Beide berufstätig, um den Lebensstandard zu sichern. Wenig Zeit für die Kinder. Die werden unterhalten, statt sich mit ihnen zu unterhalten. Man ist froh, wenn sie beschäftigt sind, statt sich mit ihnen zu beschäftigen. Oft zumindest, es gibt natürlich auch andere Familien.

Reisighütte

Hütten aus Zweigen und Ästen bauen, bald nur noch unter Anleitung im Waldkindergarten?

Auch meine Eltern waren beide berufstätig. Auch Samstags. Allerdings nicht für Eigenheim und dickes Auto, sondern weil wir arm waren. Meine Mutter drehte früher jede Mark dreimal um, bevor sie einkaufen ging. Allerdings waren sie trotzdem sehr präsent.

Präsent waren sie zum Einen, weil die Einzelhandelsgeschäfte meiner Großeltern, wo sie arbeiteten, in erreichbarer Nähe waren. Eineinhalb Kilometer Fußweg waren damals für ein Grundschulkind durchaus im Rahmen. Der Tante-Emma-Laden meiner Großeltern war eine Ladenwohnung, Oma und Opa wohnten dort und ich wurde dort groß. Ich erlebte, wie mein Opa die Milchkannen ausscheuerte, kam mit, wenn er zur Meierei fuhr oder Flaschenmilch auslieferte. Aber auch, wie er einen Nistkasten für den Hinterhof zimmerte oder aus Talg und Sonnenblumenkernen Vogelfutter mischte, es in Blumenpflanztöpfe goss und diese an den Kohlenschuppen hängte. Ich wusste, wo meine Eltern waren und meine Eltern wussten, wo ich war. Nur einmal nicht. Da hockte ich in einem Tunnel, den wir auf einem Trümmergundstück gegraben hatten. Muttern suchte mich irgendwann, und die Unschuldsmine, mit der meine Kumpels auf ihre Frage nach mir „Neeeee… keine Ahnung…“ sagten, muss erstaunlich echt gewirkt haben.

Wolfsburg

Auch bescheidener Urlaub war voller Entdeckungen.

Zum Anderen waren meine Eltern zu Hause präsent. Es gab regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten, zumindest morgens und abends. Da war Zeit zum Reden. Am Sonntag wurde immer etwas unternommen: ein Ausflug an die Elbe oder in die Schwarzen Berge bei Hamburg, wo mir mein Vater erste Schritte im Umgang mit Kompass und Karte zeigte, ein Museumsbesuch oder einmal im Jahr – wie gesagt, meine Eltern hatten nicht viel Geld – ein Besuch in Hagenbecks Tierpark. Alles in einem sehr kleinbürgerlichen Rahmen. Man mag das spießig finden. Aber meine Eltern versuchten mich neugierig zu machen und mir die Welt zu öffnen. Das rechne ich ihnen hoch an!

Wegen einer Körperbehinderung meines Vaters, später auch wegen der Krebserkrankung meiner Mutter, war an abenteuerlichere Outdoor-Unternehmungen nicht zu denken. Diesen Part übernahm mein Onkel. Ich erinnere mich an die Situation, wie er mir das Fahrradflicken beibrachte: spätabends unter einer Brücke, es regnete in Strömen. Ein Nagel von einer Baustelle steckte im Reifen.

Der Onkel hatte ein Wochenendhaus in der Fischbeker Heide bei Hamburg. Das Ein-Haus-Bullerbü für meinen Cousin und mich, einschließlich Kachelofen und Plumpsklo mit „Goldeimer“. Morgendliches Waschen im Freien mit Regenwasser aus der Zisterne. Trinkwasser holten wir Jungs in Kanistern mit dem Bollerwagen von einem knapp einem halben Kilometer entfernten Landschulheim.

Für uns Jungs war das das Paradies schlechthin. Egal ob wir hoch hinaus wollten (Hochsitze auf Bäumen bauen) oder tief hinunter (Erdhöhlen graben), es gab keine Grenzen. Jenseits des Grundstückzaunes begann der Wilde Westen: das Trockental mit seinen Heideflächen und der „Kuhteich“ waren nicht weit. Nicht einmal der Truppenübungsplatz der in der Nähe stationierten Panzergrenadierbrigade war trotz vieler Verbotsschilder vor uns sicher.

Einmal wollten wir Lagerfeuer machen. „Dann mauert euch mal eine Feuerstelle“, meinte mein Onkel.

„Mauern? Womit denn?“ – „Mit Feldsteinen und Lehm. In der Nähe vom Lehmbauern sind Gruben, da könnt ihr euch was holen.“ Wir wussten zwar, wo der Lehmbauer war – ein Haus mit einer Pferdekoppel am Tempelberg -, aber nicht wo dort im Wald Lehmgruben sein sollten. Wir wussten nicht einmal, was genau Lehm ist. Aber wir beluden den Bollerwagen mit Eimern und Spaten und zockelten los. Und stießen bei unserem zweiten Grabungsversuch tatsächlich auf Lehm.

Ich weiß nicht, ob mir jemals Würstchen so gut geschmeckt haben wie die, die wir am Abend über der selbstgemauerten und vorsichtig gebrannten Feuerstelle grillten. – Die besagten Mergelgruben waren später mal Teil des archäologischen Wanderpfades Fischbeker Heide.

Aber der Onkel nahm uns auch hart ran. Weder Lagerfeuer noch Kachelofen heizten sich von alleine. Es mussten Kienäppel (Kiefernzapfen) zum Anfeuern gesammelt und Brennholz herbeigeschafft werden. Einmal zerlegten wir eine umgestürzte Buche und holten das Holz mit einer Handkarre aus dem Wald. Eine ganze Buche, der Onkel und wir vielleicht vierzehnjährigen Jungs, rickeracke mit der Handsäge und – breitbeinig hinstellen, vorn und hinten darf niemand stehen! – mit der Axt gespalten. Sorgfältig aufgestapelt musste das Holz auch werden, Onkel duldete keine Unordnung.

Diese Erfahrungen waren das Potential für Unternehmungen in den Alter, als es besser war, ganz aus dem Blickfeld der Erwachsenen zu verschwinden. War ja nicht immer so lecker, was wir anstellten. Die Leichen überfahrener Katzen dekorativ in Bäume zu hängen oder sie als Moorleiche in einem Kesselmoor zu versenken und so was, wir waren wirklich kreativ!

Aber auch bei vergleichsweise seriösen Exkursionen und Ferienlagern, z. B. mit dem Deutschen Jugendbund für Naturbeobachtung, zehrte ich von dem, was Eltern und Verwandte grundgelegt hatten. Wir kamen da irgendwann in ein Alter und in Situationen, wo wir selbst Jüngere unter unseren Fittichen hatten. So gut ich konnte, gab ich meine Erfahrung, vor allem aber meine Mentalität weiter. Ein Junge, von dem ich wusste, dass er Rüdiger-Nehberg-Fan war, klagte einmal über einen langen schattenlosen Weg durch die Sommersonne. „Du trainierst hier für die Durchquerung der Danakil-Wüste“, war meine Antwort.

Gerne hätte ich meiner eigenen Tochter so etwas wie das Wochenendhaus in der Fischbeker Heide gegönnt. Das ging leider nicht. Aber schon die Wege mit der Kinderkarre versuchte ich so zu legen, dass es irgendwas zu sehen gab, und wenn es nur impressionistisch durch das Laub fallendes Sonnenlicht im Park war. Im Kindergartenalter schlichen wir fast eine halbe Stunde um eine Eiche herum, um herauszufinden, wer da oben im Geäst herumklopft. – Laternelaufen mit den Nachbarskindern, – die brachten ihren Eltern dann meine spontan erfundene Geschichte von im Mondlicht tanzenden Elfen mit.

Betreffs Nachbarskinder: die wohnen im jetzigen Jahrhundert oft weit weg. In der Grundschule betrug der Weg meiner Tochter zur nächsten Klassenkameradin einen Kilometer. Und wenn die dann auch noch andere Interessen hat, dann erlahmt die Lust am draußen im Wald Spielen. Allein geht man ein. Irgendwann ist Daddy ja auch nicht mehr der richtige Kumpel zum Weidentipi-Bauen. Also ist auch er Pillenknick ein Grund für das Aussterben der Wurzelbergmohikaner.

Eben ging mein Blick aus dem Fenster. Vorhin kam mit schwerem Flügelschlag ein Graureiher vorbei. Und jetzt toben da gerade zwei Buntspechte herum. Auf der Nebenstraße kommt eine Mutter mit ihrem Sprössling vom nahegelegenen Kinderhort. Sie sieht die Buntspechte nicht. Sie sieht auch ihr Kind nicht.

Sie schaut auf ihr Smartphone.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wo sind die letzten Mohikaner?

Scott KarteEin Beitrag zu Torstens Blogparade „Ist Abenteuer erleben heute noch möglich?“

“Now when I was a little chap I had a passion for maps. I would look for hours at South America, or Africa, or Australia, and lose myself in all the glories of exploration. At that time there were many blank spaces on the earth, and when I saw one that looked particularly inviting on a map (but they all look that) I would put my finger on it and say, When I grow up I will go there“

(Joseph Conrad, Heart of the Darkness. 1899)

Ich hatte noch etwas Zeit und bummelte in einem Buchladen herum. Buchladen? Kein passender Begriff für diese mehrstöckigen Geschäfte mit riesiger Verkaufsfläche und wenig Personal, die es jetzt in den Innenstädten gibt. Egal, ich wollte ja nichts kaufen.

Bei uns passt sowieso nichts mehr ins Regal, Bücher stehen schon in zweiter Reihe oder liegen quer obenauf. Letztens hatte ich mich erst schweren Herzens von einigen dicken Bänden getrennt, die noch aus meiner Jugendzeit stammten. „Robinson Crusoe“ war darunter, „Die Schatzinsel“ und „Lederstrumpf“. Noch einmal ein wehmutsvolles Blättern, dann kammen sie in die Flohmarktkiste, um neuem Lesestoff Platz zu machen. „Huckleberry Finns Abenteuer“, „Der Schatz in Silbersee“ und die drei „Winnetou“-Bände, vergilbte Erbstücke meines Vaters, schob ich aber doch zurück ins Regal.

Das war die Jugendliteratur für Generationen von Jungs. Alfred Andersch hatte ihnen in „Sansibar oder der letzte Grund“ und „Kirschen der Freiheit“ ein Denkmal gesetzt.

Crusoe

Verschollen: Robinson. (Bild gemeinfrei. Quelle: wikipedia.org)

„Mal schauen, wie die heutigen Ausgaben aussehen“, dachte ich und steuerte die Jugendabteilung des Buchwarenhauses an. Aber Weiterlesen

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