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Mädchen als Berufsbettlerinnen

Es ist nasskalt, dauernder leichter Regen, den ganzen Vormittag schon. Die Hände in den Taschen vergraben und mit zwischen die Schultern gezogenem Kopf laufe ich durch die Fußgängerzone. Da fällt mein Blick auf die junge Frau. Eine schäbige Decke über den Beinen sitzt an der Hauswand. Ein Pappbecher vor ihr wartet auf Gaben mildtätiger Passanten.

Bettler sieht man ja häufiger. Meistens sind es Männer, oft mit Hund und „auf der Durchreise“. Und ihre Biographien kennt man auch. Zumindest, dass drei Punkte immer wieder vorkommen: kaputte Beziehungen, Alkohol und Drogen, Verlust des Arbeitsplatzes.

Aber diese Frau, eigentlich ein Mädchen, – so jung und schon aus der Bahn geworfen?

Auf der Rolltreppe zum nahegelegenen Einkaufszentrum rattert es in meinem Kopf. Was könnte da los sein? Zu Hause rausgeworfen? Oder weggelaufen? Drogengeschichten? Vor allem, welcher von den Sozialberatern, die ich von kirchlichen Kontakten kenne, wäre jetzt erreichbar? Die machen doch jetzt Mittagspause. Gerade dann, wenn man sie braucht, läuft meistens nur der Anrufbeantworter. Egal, ich fahre mit der nächsten Rolltreppe gleich wieder nach unten.

Mit dem kleinen Schein, den ich dem Mädel in ihren Pappbecher stecke, werde ich nichts ausrichten können. Der soll mir nur als Grund für ein Gespräch dienen. Wohl wissend, dass es sich für alte Knaster wie mich nicht schickt, fremde Mädchen anzusprechen, egal aus welchem Grunde. Wie alt mag sie sein? 15 oder 16 vielleicht.

„Es tut weh, Sie hier in der Kälte sitzen zu sehen“, beginne ich. Sie schaut kurz auf, reagiert aber nicht. So vor ihr zu hocken, ist mir unangenehm, es wirkt zu konfrontativ. Also hocke ich mich lieber seitlich neben sie.

„Ich wollte gleich da oben in der Bäckerei einen Kaffee trinken. Mögen Sie mitkommen und sich da ein wenig aufwärmen? Ich bezahle Ihnen ein heißes Getränk und ’ne Kleinigkeit zu essen.“

Sie bleibt regungslos. Wie viele Männer mögen sie – mit womöglich schlechten Absichten – schon angesprochen haben? Trotzdem wage ich noch einen Versuch. „Ich kann Ihnen auch was herbringen!“

„Romania“, flüstert sie leise.

„Do you speak English?“ Sie schüttelt den Kopf und zieht sich wieder in ihre stille Passivität zurück. Immerhin, sie hat die Frage verstanden. Aber mehr kommt nicht. Ich beschließe, sie nicht weiter mit meiner Aufdringlichkeit zu behelligen.

Eine Passantin hat die Szene mitbekommen. „Haben Sie was herausbekommen?“ will sie wissen. „Sie ist aus Rumänien, spricht kein Deutsch und kein Englisch.“ – „Das sind Clans, das hat alles System“, klärt mich die Dame auf. „Die Mädchen machen das in Schichten, die lösen sich ab. Mal sitzen sie da, mal da“. Sie zeigt in verschiedene Richtungen der Fußgängerzone. Stimmt, letztens hatte ich unterhalb der Rolltreppe ein anderes Mädel sitzen sehen. „Und der Pate kassiert nachher alles ab, die dürfen keinen Penny für sich behalten!“

Genug Stoff zum Grübeln, während ich mir beim Bäcker die Hände am Kaffeebecher wärme. Alles nur eine Masche, so wie vor einigen Jahren die Sinti-Mütter, die mit Baby (manchmal war es auch ein älteres, aber ruhiggestelltes Kleinkind) auf dem Schoß, auf das Mitleid Vorübergehender spekulierten?

Klar, ein Mädchen, das da still im Regen kauert, rührt einem besonders das Herz. Weckt  Fürsorgeinstinkte. Und wenn in einer Stunde nur zwei oder drei Leute eine bescheidene Großzügigkeit an den Tag legen, dann bringt das mehr Gewinn als ehrliche Arbeit zum Mindestlohn. Das ärgert mich. Nicht wegen meines Almosens, dass der Alte nachher einstreichen würde. Mir tut das Mädchen leid. Die Mädchen, es sind ja mehrere. Nur eigentlich ganz hübsche Mädchen, keine Jungs. Mit fragwürdigen Versprechen von irgendwelchen Rattenfängern angelockt, werden sie ausgebeutet. Statt in die Schule zu gehen und dann etwas Gescheites zu lernen, verplempern sie so ihre Jugend. Und womöglich ihr Leben, für das ihnen dann eine solide Berufsausbildung fehlt. Was hat der Pate dann geplant? Man mag nicht weiterdenken…

Es ist ein Verbrechen, das sich da draußen abspielt. Das kann nach § 232b StGB sechs Monate bis zehn Jahre Knast für die Drahtzieher geben, wenn man sie nur kriegen würde. Die Täter wissen das und zwingen ihre Opfer zum Schweigen. So jedenfalls setzt meine Phantasie die Geschichte zusammen. Anders kann ich mir die Sache nicht zusammenreimen.

Man bäuchte jetzt also nicht nur irgendeinen Sozialberater, sondern jemanden, der Rumänisch kann und mit großem psychologischen Geschick irgendwie Zugang zu den eingeschüchterten Teenagerinnen findet. Und eine Unterkunft, wo die Mädels sofort untergebracht, betreut und geschützt werden. Man bräuchte jemanden, der das Zeug hat, sich mit der Bettelmafia anzulegen und den Paten vor Gericht zu bringen, zumindest aber dafür zu sorgen, dass keine Übergriffe stattfinden. Also eine Institution mit den nötigen Mitteln, Dolmetschern und Expertise.

Und, – das wäre der Traum! -, ein wohlhabendes Ehepaar, das sich statt Luxusyacht das Abenteuer leistet, so jemanden aufzunehmen, familiären Halt zu bieten und Lebensunterhalt, Krankenversicherung, Deutschkurse und Ausbildung zu bezahlen, bis das Menschenkind flügge ist.

Ich sitze hier, stochere in den restlichen Krümeln meines Haferflockenkuchens herum und weiß nicht weiter.

Wie lange hockt sie da wohl schon in der Kälte? Der Gedanke lässt mich frösteln. Bronchitis, Blasenentzündung und Gelenkerkrankungen sind vorprogrammiert. Der Pate bringt sie bestimmt nicht zum Arzt.

Ich bringe mein Tablett zur Geschirrückgabe und stelle mich noch einmal am Tresen an. „Noch einen Kaffee, bitte. Diesmal zum Mitnehmen.“ – Keine Ahnung, ob sie Kaffee mag.

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Post scriptum: Sie mag Kaffee!

 

 

 

 

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